Zeit und Gegenwärtigkeit

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Kennst Du dieses Gefühl, dass der Tag nur so an Dir vorbeirast?  Du willst nur mal eben schnell etwas tun und dann ist auf einmal eine Ewigkeit vergangen…?

Ich kenne dieses Gefühl ganz gut.  Bisher habe ich es am Häufigsten erlebt, wenn ich keine Lust hatte, in die Gänge zu kommen mit dem, was für meinen Tag anstand.  Zum Beispiel, wenn ich unbedingt einkaufen musste aber nicht in den Regen raus wollte und stattdessen erst einmal andere Dinge erledigt habe.  Und auf einmal war es kurz vor Ladenschluss (das ist in Deutschland meistens um 20:00 Uhr) und der Tag vorbei.

Es war in den meisten Fällen nicht so, dass ich zum Beispiel statt des Einkaufens unwichtige Dinge erledigt habe, ich habe nur andere wichtige Dinge vorgezogen, um nicht sofort raus in den Regen zu müssen.  Und eigentlich hätten diese Dinge oft auch gar nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen sollen, dass gleich der ganze Tag weg ist.  Es war, als wäre da ein Zeitfresser, der auf meiner Schulter sitzt und mir meine ganze Zeit wegfrisst.

Das fand ich merkwürdig, also habe ich mir dieses Phänomen einmal näher angeschaut und begonnen, mich selbst in den entsprechenden Situationen zu beobachten.

Da ist mir etwas aufgefallen.  Der Zeitfresser tauchte immer dann auf, wenn ich nicht vollkommen im Jetzt war.  Im Falle des Nicht-Einkaufen-Wollens war es zum Beispiel so, dass ich mich zwar erst mal anderen wichtigen Dingen zugewandt habe, ihnen aber nicht meine volle Aufmerksamkeit geschenkt habe.  Stattdessen habe ich die ganze Zeit darüber nachgedacht, wie ich mich nun doch noch fürs Einkaufen motivieren kann.  Ich war mit meinen Gedanken in der Zukunft, anstatt im Jetzt, in der Gegenwart.  Übrigens tauchte der Zeitfresser auch dann auf, wenn ich mit meinen Gedanken in der Vergangenheit war, während ich mein Tagewerk erledigt habe.

Dann habe ich experimentiert.  Ich habe mich selbst immer wieder daran erinnert, gegenwärtig zu bleiben, bei allem, was ich getan habe.  – Ich möchte erst den Artikel schreiben, bevor ich das Badezimmer putze (oder umgekehrt)?  In Ordnung.  Dann bleibe ich mit meiner Aufmerksamkeit so lange bei dem Artikel, wie ich ihn tatsächlich schreibe und wende mich dann mit voller Aufmerksamkeit dem Badezimmer zu.  Ich möchte erst meine E-Mails beantworten, bevor ich raus in den Regen zum Einkaufen gehe?  In Ordnung.  Dann bleibe ich mit meiner Aufmerksamkeit bei den E-Mails, bis ich soweit bin, einkaufen zu gehen.  Und erst dann wende ich mich mit voller Aufmerksamkeit dem Einkaufengehen zu.

Und auf einmal nahm ich eine Entschleunigung war.  Die Zeit verlangsamte sich zu einem angenehmen Schritttempo und ich konnte alles, was anstand, in Ruhe erledigen.

Bisher dachte ich, diese Erkenntnis bezieht sich nur auf Dinge, die zu tun sind.  Doch diese Woche habe ich gemerkt, dass sie sich auch auf das Nicht-Tun bezieht.  Ich habe diese Woche so eine Phase, wo ganz viel Energie hereinströmt und integriert werden möchte.  Da fühle ich mich oft müde und brauche viel Ruhe und Atempausen.  Anfang der Woche wollte ich aber unbedingt ein paar Dinge erledigen.  Also habe ich mich an den Computer gesetzt und gesagt:

„Ich kann ja mal sehen, wie weit ich komme.  Und wenn ich zu müde werde, dann lege ich mich einfach hin.“

Naja, schließlich habe ich mich in so einen Modus hineingearbeitet, wo man einfach immer weiter geht, obwohl man eigentlich viel zu müde ist und nach einem Schläfchen viel effektiver weiterarbeiten könnte.  Ich hatte aber Angst, dass ich mich nach dem Schlafen nicht wieder aufraffen kann.  Also habe ich einfach weiter gearbeitet.  Und auf einmal war der Tag um, obwohl es, der Menge der Arbeit nach zu urteilen, gerade mal ein halber Tag hätte sein sollen.

Der Zeitfresser war wieder da!

Beim näheren Hinsehen wurde mir dann klar, dass ich eigentlich die ganze Zeit müde war.  –  Es war diese Müdigkeit, die das Denken schwer macht und einem irgendwann einfach die Augen zufallen lässt.  Ich war also gar nicht gegenwärtig.  Wäre ich es gewesen, hätte ich mir ein Schläfchen erlaubt.

Am nächsten Tag habe ich mir diese Erkenntnis zu Herzen genommen.  Ich hatte immer noch mit dieser Müdigkeit zu tun.  Also habe ich mir, trotz aller Angst, nicht genug zu schaffen, erlaubt, zu schlafen oder zu ruhen, wann immer mir danach war.  Ich war dann auch jedes Mal ganz tief weg, so für eine halbe Stunde oder so.  Aber es hat sich viel länger angefühlt und mich erfrischt.  Und letztendlich habe ich an dem Tag viel mehr geschafft, als sogar an einem „normalen“ Arbeitstag.

Das lässt mich schon manchmal darüber nachdenken, wie ungesund unser Arbeitssystem oft aufgebaut ist, denn als Angestellter kann man sich meist keinen Mittagsschlaf und keine Atempausen erlauben, obwohl es doch eigentlich zu effektiverem Arbeiten führt – und auch zu gesünderen Arbeitskräften.

Weißt Du was ich schließlich für mich herausgefunden habe?

In der Gegenwart gibt es keinen Zeitfresser.  Solange ich gegenwärtig bin, habe ich alle Zeit, die ich brauche und kann immer alles ganz in Ruhe erledigen.  Nur, wenn ich mit meinen Gedanken und Gefühlen zu lange in der Zukunft verweile (zum Beispiel, weil ich mir Sorgen mache) oder in der Vergangenheit (zum Beispiel, weil ich mich für etwas schäme), dann kommt der Zeitfresser und erinnert mich daran, dass meine Kraft im Jetzt liegt, in der Gegenwart, und das ich dort hin gehöre.

Wie sieht es bei Dir aus?  Hast Du auch schon Erfahrungen mit einem Zeitfresser gemacht?  Wie gehst Du mit solchen Situationen um?  Hast Du vielleicht einen Tipp, den Du gerne hier mit uns teilen möchtest?

Alles Liebe,
Steffi