Der Scham Begegnen

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In letzter Zeit begegnet mir immer wieder das Gefühl von Scham.  Zumeist sind es alte Geschichten, die hochkommen.  Manchmal erzählen sie von Ereignissen, wo ich etwas falsch gemacht habe.  Oft erzählen sie schlichtweg Lügen und verzerren die Wahrheit.

Nach meiner Erfahrung  ist es nicht ungewöhnlich, dass solche Gefühle durch bestimmte Ereignisse ausgelöst werden, zum Beispiel durch destruktive Kritik, die an einem verübt wurde.  So, wie es mir kürzlich passiert ist.

Scham kann ein sehr starkes Gefühl sein und in vielen Verkleidungen auftreten.  Doch man kann lernen, sie zu erkennen.  Ebenso, wie destruktive Kritik lässt sie mich zum Beispiel mit dem Gefühl zurück, ich sei einfach nur falsch – doch ohne jegliche Aussicht darauf, wie ich es besser machen kann.  Auch löst sie bei mir ein Gefühl von Vermeidung aus.  Ich will nicht näher hinschauen, sie wegschieben und weglaufen.

Und hier komme ich zu einem wichtigen Punkt.  Ich habe nämlich festgestellt, dass die Scham bei mir nur wirken kann, wenn ich ihr nicht begegne, wenn ich wegsehe, sie wegschiebe und vor ihr weglaufe.  Dann hat sie Macht über mich.  Wenn ich jedoch einen tiefen Atemzug nehme, mich hinstelle, sie anschaue und die Arme ausbreite, dann verändert sich das Gefühl.

Wie genau sieht das aus?

1)      Erlauben:  Wenn ich merke, dass mich ein Gefühl quält, das von Scham getrieben sein könnte, dann erlaube ich mir, beim nächsten Mal wenn es auftaucht, genauer hinzuschauen.  Dadurch wird der Mechanismus, dieses Gefühl einfach automatisch wegzuschieben, durchbrochen.

2)      Lieb haben statt Recht haben:  Wenn dieses Gefühl dann auftaucht und mich beschuldigt, etwas falsch gemacht zu haben, nehme ich es liebevoll hin ohne mich zu verteidigen und zu rechtfertigen.  Selbst, wenn ich eigentlich denke, dass ich gar nichts Schlimmes getan habe, selbst wenn ich weiß, dass ich gar nichts schlimmes getan habe, nehme ich die Beschuldigung hin.  Offenbar gibt es nämlich einen Aspekt in mir, der hartnäckig daran glaubt, dass ich etwas falsch gemacht hätte und nicht davon ablässt, egal, ob dies nun der Wahrheit entspricht, oder nicht.  Sonst würden die Vorwürfe der Scham ja gar nicht mit mir räsonieren.  Also begegne ich diesem Aspekt mit Anerkennung und Aufmerksamkeit.  Ich höre ihm zu und sage:  Ok, angenommen, Du hast Recht.  Was dann?  Dadurch wird das alte, sich wiederholende Muster durchbrochen.

3)      Annehmen:  Was also, wenn es stimmt und ich alles falsch gemacht habe, was mir die Scham vorwirft?  – Na, dann ist es eben so.  Ich kann es nicht mehr ändern.  Dann habe ich eben einen Fehler gemacht.  Das kommt vor, schließlich bin ich nicht perfekt.  (Höchstens perfekt imperfekt.)  Meistens ist dies der Punkt an dem mein sich schämender Aspekt und ich merken, dass alles eigentlich gar nicht so schlimm ist.  Durch die Anerkennung, dass ich nicht perfekt bin, verliert die Scham ihre Macht über mich.

4)      Vergeben:  Und dann vergebe ich mir gemeinsam mit meinem schamgeplagten Aspekt für das, was uns die Scham vorwirft.  Was auch immer es ist.  Ich nehme einen tiefen Atemzug, fokussiere mich auf den Schuldvorwurf und sage laut:  Ich vergebe mir jetzt dafür.  Und dann atme ich die Vergebung mit einem Lächeln ein.  Durch die Integration des beschämten Aspekts in mir und durch die gemeinsame Vergebung hat die Scham keine Resonanz mehr in mir.

Manchmal überrascht es mich, wie viele Ereignisse auf einmal mit dem Gefühl der Scham verknüpft scheinen.  Doch mit Achtsamkeit und Gewahrsamkeit kann ich diese Verstrickungen Schritt für Schritt wieder lösen.

Bist Du auch schon Mal von Scham heimgesucht worden?  Wie war das für Dich?  Kannst Du der Scham begegnen?  Hast Du ein Rezept, um mit diesem Gefühl umzugehen?

Alles Liebe,
Steffi