Geschichten von der Grünen Insel Teil IV

Stories from the Emerald Island Part IV © Stefanie Neumann - All Rights Reserved.

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Zu Ehren des St. Patricks Tages, welcher Mitte des Monats von vielen Menschen rund um die Welt gefeiert wird, wähle ich, einige der Erfahrungen, die mir in Irland geschenkt wurden, zu teilen…

Kein Urteil

Etwas, das mich begleitete, seit ich zum ersten Mal einen Fuß auf die irische Insel setzte, mir jedoch nicht voll zu Bewusstsein kam bis kurz bevor wir sie wieder verlassen würden, war, dass da kein Urteil war, welches mir nachschlich wie ein durstiger Vampir.”

– Stefanie Neumann

Deutsches Erbe

In Deutschland lebend und aufgewachsen scheint es, als sei man schlichtweg dazu konditioniert sich verurteilt zu fühlen. Da ist die grausame Geschichte des zweiten Weltkrieges. Wir wachsen mit der mehr oder weniger unterschwelligen Doktrin auf, dass uns dies allgemein zu schlechten Menschen macht. Ich meine, es steht außer Frage, dass in Deutschland während jener Zeit sehr schlimme Dinge passiert sind. Ich bezweifle nur, dass es irgendjemandem hilft, die Aussagen von Schuld und Scham wie ein Mantra zu wiederholen. Allerhöchstens bringt es all die Grausamkeit zurück in den gegenwärtigen Moment und blockiert Heilung und Vergebung für alle Beteiligten. Ich glaube, der Schlüssel liegt vielleicht darin, uns selbst zu erlauben, jetzt bessere Menschen zu sein; zu vergeben und Vergebung zu empfangen; und dafür zu sorgen, dass wir eine Zukunft kreieren, ohne die alten Muster von Trennung und Grausamkeit zu wiederholen.

Irisches Erbe

Nun, die Iren haben ihr eigenes Päckchen zu tragen. Ich bin bei weitem keine Expertin in irischer Historie. Doch einige Dinge sind einfach offensichtlich und schwingen immer noch in der Gegenwart mit. Da gibt es, zum Beispiel, die Geschichte der Troubles in Nordirland, die Unterdrückung durch die Engländer und die strenge Hand der katholischen Kirche, welche eine Menge Reibungsfläche bieten. Ich werde darüber nicht urteilen. Ich weiß nicht einmal genug darüber, dass ich mir anmaßen würde zu glauben, ich hätte ein angemessenes Bild von all den Umständen und Zusammenhängen. Das einzige, was sich tun kann, ist festzustellen, was ich wahrnehme, zu beobachten und zu lernen.

Persönliche Erfahrung

Vielleicht kommt es daher, dass ich mich außerhalb des Kontextes der Geschichte meiner eigenen Nation bewegte… Vielleicht war es die Tatsache, dass ich selbst ohne Urteile an diesen neuen Ort kam… Was ich weiß, ist, dass ich mich das erste Mal in meinem Leben auf eine ganz besondere Art frei fühlte. Es fühlte sich an, als wäre eine Last von mir abgefallen. Etwas, das immer da war und mich niedergedrückt hat, ohne dass ich es eigentlich bemerkte, war jetzt fort. Ich konnte diesen Effekt nirgends zuordnen, bis zu jenem Abend im März, als Kim und ich in unserem Lieblingscafé in der Dubliner Innenstadt einkehrten. Wir bekamen einen Tisch in der Nähe des Kamins. Während wir unsere Getränke genossen, nahm eine Gruppe von vier netten Damen aus Deutschland am Nebentisch Platz. Und mit einem Mal war diese nicht benennbare Last zurück, aus heiterem Himmel, und saß auf meinen Schultern. Für Empathen wie mich ist es so leicht, Gefühle und Stimmungen aus dem Umfeld aufzunehmen und sie als die eigenen zu erfahren. Nach einem Innehalten mit mir selbst und der Umgebung bemerkte ich, dass ich Urteil spürte und dass es mit der Gruppe deutscher Frauen neben uns gekommen war. Nicht die Art von Urteil, das auf etwas oder jemanden abzielt. Vielmehr die Art von Urteil, welches Menschen über sich selbst haben, von sich klein, wertlos oder dumm fühlen weil einem beigebracht wurde, auf diese Art über sich zu empfinden. Die Art von Urteil, welche ich mein ganzes Leben mit mir herumgetragen hatte, ohne zu merken, dass es nicht die Wahrheit darüber ist, wer ich wirklich bin. Und in jenem Moment wurde es mir klar.

Ich bin für diese Erfahrung sehr dankbar. Es brachte so viel Gewahrsamkeit und Klarheit in mein Leben. Es half mir, dieses alte Programm gehen zu lassen, einen Atemzug nach dem anderen – ich tue es noch. Und ich hoffe sehr, dass diese erhellende Erfahrung auf irgendeine mysteriöse Weise ihren Weg zu jenen wundervollen Damen findet, sollten sie es wählen. Bist Du schon einmal alten Programmen aus Deiner persönlichen oder nationalen Geschichte begegnet, welche Du mit Dir herumgetragen hast? Hast Du schon einmal irgendeine Art von subtilem oder offenem Urteil erfahren? Wie gehst Du damit um?

Alles Liebe,
Steffi