Bin Ich Gut Genug?

Am I Good Enough? © Stefanie Neumann - All Rights Reserved.

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Letzte Woche habe ich einen näheren Blick auf ein ominöses Gefühl von Bin Ich Falsch? geworfen, von dem ich bemerkt hatte, dass es herumschlich.  An einem Punkt schrieb ich:

Schließlich fand ich heraus, dass ich überhaupt nichts falsch gemacht hatte.  Ich wurde nicht unter dem falschen Sternzeichen geboren – weil es kein falsches Sternzeichen gibt.  Es ist nur ein fremdartiges Programm oder Muster, welches herumfliegt; etwas, das viele von uns gelernt haben; die Ansammlung all der “Nicht Gut Genugs”, die uns beigebracht wurden und die wir erfahren haben.”

Heute möchte ich jene “Nicht Gut Genugs” einmal näher betrachten.

Ein Beispiel

Plötzlich wurde ich mir all der “Nicht Gut Genugs” gewahr, welche wir im Laufe unseres Lebens erfahren, und wie sie uns tatsächlich beeinflussen und entmachten können.”

-Stefanie Neumann

Wenn ich meine Morgenseiten schreibe, spiele ich gerne mit verschiedenen Handschriften und wechsle sogar zwischen dem lateinischen Alphabet und der Sütterlinschrift hin und her. (Letztere ist die deutsche Schreibschrift welche allgemein verwendet wurde bevor das lateinische Alphabet in den frühen 1940ern eingefürht wurde.)  Ich bemerkte, wie manche Buchstaben beider Handschriften einander recht ähnlich sahen und erinnerte mich plötzlich daran, wie meine Lehrer in der Grundschule eine große Sache daraus machten, das wir das lateinische Alphabet – mit welchem uns das Schreiben beigebracht wurde – auf eine ganz bestimmte Art und Weise schrieben.

Ich habe niemals verstanden, was die große Sache daran war; ob dieser Kreis an einem “o”, “a”, “d” oder “g” komplett geschlossen ist oder vielleicht einen zehntel Millimeter geöffnet; oder ob das “i” einen Punkt oder Strich obenauf hat (im deutschen macht das in der Aussprache keinen Unterschied); oder ob das “u”, “m” und “n” schön gerunded oder leicht spitz ist.  Ich fühlte, so lange man klar sehen kann, welcher Buchstabe es sein soll, ist die alles Teil des individuellen schriftlichen Ausdrucks einer jeden Person.  Ich beobachtete in den Handschriften der Erwachsenen – einschließlich meiner Lehrer.  Meine Großmutter, vor dem ersten Weltkrieg geboren, mischte sogar Sütterlinschrift in ihr lateinisches Alphabet.

Letztens kam es mir plötzlich während meiner Morgenseiten in den Sinn, dass sie in der Grundschule vielleicht so ein großes Aufhebens darum machten, weil sie unterstreichen wollten, dass wir jetzt das lateinische Alphabet schreiben und nicht mehr in einer deutschen Schrift.  In Sütterlin sind, zum Beispiel, das “o”, “a”, “d”, und “g” weiter geöffnet; das “i” ist mit einem Strich anstelle eines Punktes versehen und das “m”, “n” und “u” sind eher spitz als rund.  Daher nehme ich an, dass meine Lehrer auf Grund eines politischen Drucks so besonders achtsam bezüglich all dieser kleinen Details waren.

Ich frage mich, was wür eine Angst hinter diesem Druck stand.  Sütterlin wurde 1941 von den Nazis mit dem lateinischen Alphabet ersetzt, worauf die Verbannung des deutschen Alphabets in 1942 folgte.  Hatte die erwähnte Angst etwas mit jener Geschichte zu tun?  Eine alte Angst davor, nicht akkurat genug zu sein? Oder war es vielleicht die Angst, nicht modern genug zu sein?

Geringfügigkeit

Und so wurde der geschriebene Ausdruck von sechsjährigen Kindern, die gerade erst zu schreiben lernten, bereits von der Angst, nicht gut genug zu sein, begrenzt.”

-Stefanie Neumann

Dieses kleine “Nicht Genug” mag unwesentlich erscheinen.  Aber die Sache ist die:  Worte sind mächtig.   Die Fähigkeit zu Schreiben kann ein sehr mächtiges Werkzeug des Ausdrucks sein.  Das Schreiben mit einem Stift auf Papier ist ein Teil dieser Kunst.  Besonders zu einer Zeit als nicht jeder Haushalt einen Computer, ja nicht einmal eine Schreibmaschine hatte.  Und das Erste, was sie einem über dieses Werkzeug beibringen, ist, dass man darauf beschränkt ist, es auf eine ganz bestimmte Weise zu verwenden.  Sie bringen einem bei, dass es wichtiger ist, das “i” korrekt zu punktieren als das, was man durch dessen Gebrauch in einem bestimmten Wort eines bestimmten Satzes damit auszudrücken wählt.

Bis vor Kurzem jedenfalls behandelte ich diese Begrenzung, welche mir in der Grundschule beigebracht wurde, wie eine Geringfügigkeit.  Was ich nicht bemerkte, war, dass ich auch viele Dinge, die ich zu sagen hatte, als eine solche behandelte.  Besonders, wenn ich noch keinen vermeintlich “richtigen” Weg gefunden hatte, mich auszudrücken.  Es fühlte sich nicht gut genug an, um gesagt zu werden.  Doch manchmal müssen Ideen benannt werden bevor sie “fertige Erkenntnisse” sind, damit sie fließen, wachsen und ganz werden können.  Man kann einen Pfad nicht bis ans Ende gehen, wenn man denkt, seine Schritte seien nicht gut genug und sich deshalb nicht erlaubt, voranzuschreiten.  Die Schritte können nicht “gut genug” werden (sollte es ihnen überhaupt an etwas mangeln), wenn man nicht übt.

Freiheit

Hier bin ich also.  Keine fertigen Erkenntnisse zur Hand, dennoch einen Teil der Reise teilend.”

-Stefanie Neumann

Jetzt fühlt es sich für mich nicht mehr dumm an, wenn ich während meiner Morgenseiten oder zu anderer Gelegenheit mit verschiedenen Handschriften spiele.  Ich weiß, dass es Teil meines Ausdrucks ist sowie meine eigene, perönliche und sehr individuelle Art und Weise dessen zu finden.  Es hilft mir, den besten weg zu finden, um meinen Teil zum Ganzen beizutragen; um meine Farbe zum Regenbogen hinzuzufügen.

Tatsächlich war es sehr befreiend, dieses alte Programm zu entdecken und zu bemerken, wie begrenzend es war.  Hätte ich diese Begrenzung nicht erfahren, wäre ich mir vielleicht nicht einmal der Macht gewahr, welche ich buchstäblich mit dem Schreiben in den Händen halte.  Eine Macht, die ich beabsichtige, weiterhin liebevoll und friedlich einzusetzen.

Wir haben immer die Freiheit, zu wählen, wer wir sein wollen und wie wir dieses Leben, welches uns gegeben ist, leben wollen.  Wir haben die Freiheit, alte Ängste, Muster und Programme gehen zu lassen.  Wir haben die Freiheit, erneut zu wählen falls unsere vorherige Wahl nicht so gut für uns funktioniert hat.  Und am aller Wichtigsten:  Wir haben die Freiheit, zu wählen, freundlich und sanft zu uns selbst und anderen zu sein.”

-Stefanie Neumann

Hast Du Programme von “Nicht Gut Genug”, welche Dich in irgendeiner Weise begrenzen?  Ist es Dir jemals gelungen, über solch ein Muster hinauszugehen?  Magst Du Deine Erkenntnisse hier teilen?

Alles Liebe,
Steffi