Ich Liebe Meine Komfort-Zone

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In letzter Zeit habe ich in den sozialen Netzwerken wieder viele Beiträge gesehen, welche die Leser dazu einladen, die eigene Komfort-Zone zu verlassen, um den eigenen Horizont zu erweitern.

Da ich eine bewusste Wahl treffe, wem ich auf den sozialen Netzwerken folge, handelt es sich bei den Autoren zumeist um Menschen, deren Arbeit ich sehr schätze. Ich verstehe auch den Standpunkt (und stimme diesem zu), dass es wichtig ist, den eigenen Horizont zu erweitern und dass es sich beim Verlassen der vertrauten Bahnen anfühlen kann, als verließe man seine Komfort-Zone.

Dennoch fühlte ich mich mit diesem Ausdruck „die Komfort-Zone verlassen“ nie so ganz wohl.  Und das aus gutem Grund.  Deshalb möchte ich heute einfach einmal eine andere Perspektive aufzeigen.  Dies bedeutet nicht, dass ich finde, die anderen Autoren hätten Unrecht.  Im Gegenteil.  Aus ihrer Erfahrung heraus ist die Ermutigung zum Verlassen der Komfort-Zone durchaus gerechtfertigt.  Meine Erfahrung ist einfach eine andere. Schließlich sind wir alle unterschiedliche Individuen und daher funktionieren manchmal eben auch unterschiedliche Dinge für uns.  Deshalb finde ich, dass es wichtig ist, die verschiedenen Ansätze zu teilen, denn so können wir einander inspirieren und uns darin unterstützen, dass jeder den Weg findet, welcher für sie oder ihn am besten ist.

Hier ein klein wenig aus meinem Leben.  Dies wird helfen, zu verstehen, warum mein Fokus, um eine gesunde Balance zu erhalten, nicht auf dem Verlassen meiner Komfort-Zone liegt, sondern auf ihrer Erschaffung und Gestaltung.

Ich bin seit meiner Geburt hochsensibel und empathisch.  Nur, dass diese Begriffe zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierten, beziehungsweise ganz anders geprägt waren.  Für eine hochsensible Person (HSP) ebenso wie für einen Empathen kann das Leben eines normalsensiblen Menschen ziemlich laut erscheinen. Ständig ist man mit Gefühlen und Gedankenmustern konfrontiert, dies es einzuordnen gilt (oft, obwohl die Menschen, von denen die Gefühle und Gedankenmuster kommen, diese oft selbst gar nicht einzuordnen wissen), ständig gilt es auseinander zuhalten, was eigentlich zu einem selbst und was zu anderen gehört und obendrein nimmt man noch viele Dinge wahr, die einem normalsensiblen Menschen meist komplett verborgen bleiben. Als Kind ist das oft besonders schwierig.

Die Kindergarten- und Schulzeit war für mich sehr anstrengend.  Meine letzte Kindergärtnerin und ebenso meine Klassenlehrerin in der Grundschule nahmen meine Hochsensibilität zum Anlass, mich zu mobben.  Das ist übrigens kein seltenes Phänomen und ich habe selbiges auch oft von den Eltern meiner Klassenkameraden erfahren.  Andersartigkeit macht manchen Menschen eben Angst.  Selbst im jungen Alter von sieben Jahren habe ich das bereits verstanden.  Im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen um mich herum.

Das klingt nicht gerade nach Komfort-Zone, oder? – Es war auch keine.

An der weiterführenden Schule hatte ich es mit den Lehrenden zum Glück einfacher; jedenfalls mit den meisten.  Dafür fand ich dem Umgang mit den Schulkameraden schwierig – und sie den Umgang mit mir.  Für die meisten war ich bis zur Oberstufe wohl einfach nur eigenartig, einige haben mich jedoch auch gemobbt.

Während der Oberstufe habe ich in der Schule mehr Anerkennung gefunden, aber so richtig dazugehört habe ich nie.

Auch dies alles bedeutete nicht gerade Komfort-Zone für mich.

So ging es dann weiter.

Jeden Tag vor und nach der Schule im vollen Bus fahren zu müssen war Horror.  Ich habe es trotzdem getan.  Ich habe an Tanzkursen teilgenommen, trotz extremer Schüchternheit und viele Freundschaften geschlossen. Ausgehen war schwierig für mich, da man ja, wenn man, zum Beispiel, in den Klub oder in die Kneipe geht, von extrem vielen äußeren Einflüssen umgeben ist.  Dennoch habe ich es exzessiv betrieben und auch viel Spaß dabei gehabt. Ich bin auch regelmäßig zu großen Konzerten gegangen – oft sogar alleine, trotz meiner großen Probleme, mich in Menschenmassen zu Recht zu finden.

Dies alles hatte aber für mich nie mit dem Verlassen meiner Komfort-Zone zu tun.

Ich habe das alles nur geschafft, weil es mir gelang, mir einen Raum zu bewahren, einen inneren Raum, in dem ich mich wohlfühlen konnte; eine innere Komfort-Zone.  Diese hat es mir erst ermöglicht, hinaus zu gehen und Abenteuer zu erleben.

Dies ist auch heute noch so.  Allerdings weiß ich mittlerweile auch, was passiert, wenn ich diese innere Komfort-Zone verlasse oder gar aufgebe.  Dann zerbreche ich, werde depressiv und oft auch anderweitig krank.

Wenn mir also jemand erzählt, ich solle meine Komfort-Zone verlassen, dann kommt das für mich einer Aufforderung gleich, mich in Krankheit zu stürzen.

Derzeit lebe ich in einer Situation, wo ich seit nunmehr 17 Monaten von jemandem von außerhalb der Familie bedroht werde, der sich jedoch in der direkten Nachbarschaft befindet.  Dies geht auch mit übler Nachrede einher, mit Geruchsbelästigungen, Lärmbelästigungen und natürlich mit der Tatsache, dass ich mich, auch auf Anraten von Fachleuten, aufgrund der Bedrohung weder alleine durch das Treppenhaus bewegen, noch alleine in der Wohnung bleiben kann.  Ein Anwalt ist eingeschaltet, die Polizei kann erst etwas tun, wenn die Bedrohung in eine Straftat mündet, der psycho-soziale Dienst könnte nur dann etwas tun, wenn besagte bedrohliche Person sich freiwillig in Behandlung begeben würde – obwohl bekannt ist, dass es eine ähnliche Vorgeschichte aus dem Vorleben der Person gibt,  die anderen Nachbarn stecken alle den Kopf in den Sand – denn jeder ist ja bekanntlich sich selbst der Nächste und die Vermieterin, eine große Wohnungsgesellschaft, besteht mit fadenscheinigen Ausreden auf Untätigkeit.

Eine äußere Komfort-Zone gibt es derzeit also quasi nicht für mich – mal wieder.  es bleibt mir lediglich die innere Komfort-Zone.  Würde ich diese aufgeben, hätte ich wahrscheinlich gar keinen Lebenswillen mehr.

Komfort hat ja etwas mit Bequemlichkeit und Trost zu tun.  Während es sicherlich ungesund ist, sich immer nur zurück zu ziehen und ständig faul zu sein, ist ein Leben ohne jegliche Bequemlichkeit und ohne Trost auch nicht gerade erstrebenswert.

Außerdem, wer sagt denn, dass wir es nicht bequem haben dürfen, im Leben?  Wie definiert man denn „bequem“?

Für mich war es herausfordernd, alleine auf Konzerte zu gehen, aber nicht unbequem.  Die Freiheit, welche ich dadurch erfahren habe, empfand ich sogar als äußerst bequem.  Für mich ist es ab und an ganz bequem, auf dem Sofa zu faulenzen.  Aber wenn ich das den ganzen Tag mache, dann wird es recht unbequem.  Ich bekomme Rückenschmerzen, die Glieder schlafen mir schmerzhaft ein und meistens bekomme ich dann irgendwann auch Kopfschmerzen.  Also ist es viel bequemer für mich, in Balance zu bleiben zwischen Bewegung und Ruhe.  Und diese Balance ist für mich Komfort.

Ich finde es angebracht, bei all den Aufforderungen dazu, aus der Komfort-Zone herauszutreten, genau hinzuschauen.  Wie bereits weiter oben ausgeführt, stimme ich generell damit überein, dass es wichtig ist, den eigenen Horizont zu erweitern.  Und darum geht es ja anscheinend bei dieser ganzen Diskussion.  Doch beobachte ich auch, wie diese Schlagwörter dazu verleiten können, in eine ungesunde Balance hinein zu gleiten, nämlich wenn man nun das Gefühl bekommt, man müsse alles in Frage stellen, was sich im Leben komfortabel und vertraut anfühlt.  Während dies für einige vielleicht genau der richtige Ansatz für ein gesundes Leben sein mag, glaube ich doch, dass dies für die meisten Menschen eher ungesund wäre.

Menschen sind eben nicht alle gleich.  Deshalb kann man auch nicht eine Methode über uns alle stülpen.

Dieser Beitrag möchte eine andere Sicht auf diese Diskussion teilen.  Er stellt keinen Anspruch darauf, für die Lesenden generell und unbedingt den richtigen Weg aufzuzeigen.  Diesen kann nur jeder für sich selbst erkennen.  Dieser Beitrag möchte einfach jenen, denen es ähnlich geht wie mir, zeigen, dass sie damit weder alleine sind noch falsch liegen.  Genauso wenig wir jene, für die es wichtig ist, aus dem, was sie als Komfort-Zone empfinden, ab und an herauszutreten.  Dieser Beitrag möchte lediglich eine zusätzliche Perspektive bieten.

Wie empfindest Du Deine Komfort-Zone?  Ist sie für Dich eher ein Zufluchtsort oder empfindest Du sie als Gefängnis?  Oder hast Du vielleicht eine ganz andere, ganz eigene Sichtweise auf diese Dinge?

Bist Du bereit, heute ein helles Licht der Gewahrsamkeit auf den Pfad des Seins zu leuchten?

Alles Liebe,
Steffi

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