Urbane Naturbeobachtungen – Meine Nachbarn im April

Urbane Naturbeobachtungen - Meine Nachbarn im April 2019 © Stefanie Neumann - Kokopelli Bee Free - All Rights Reserved.

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Etwa eineinhalb Stunden vor Sonnenuntergang stehe ich auf dem westwärts gerichteten Balkon um noch etwas von dem schönen, klaren Licht des Tages zu genießen. Die Sonne ist bereits hinter das gegenüberliegende Haus gewandert, doch ihre Strahlen lassen den Himmel noch hellblau leuchten. Die Blütenkätzchen der Birke im Hinterhof werden zur Spitze des Baumes hin ganz golden, dort, wo er über die Dächer des Häuserblocks ragt. Auch die Blüten der gegenüberstehenden Espe an der rückwärtigen, ruhigen Zugangsstraße bekommen einen goldenen Rand während sie von innen heraus hell grün zu leuchten scheinen. Der Pflaumenbaum steht bereits im Schatten der Häuser, doch höre ich gelegentlich das Kichern von Meisen in ihm. Er hat also noch abendliche Besucher.

Wie ich da so stehe, sehe ich, dass der Vogelbrutkasten, der seit einigen Jahren auf einem der gegenüberliegenden Balkone angebracht ist, bereits seine diesjährigen Mieter gefunden hat. Herr Kohlmeise fliegt fleißig ein und aus. Offenbar brütet Frau Kohlmeise bereits und er bringt Ihr ein nahrhaftes Abendessen.

Ein anderer der gegenüberliegenden Balkone sieht ganz wunderbar bunt aus. Die dort wohnenden Menschen haben kleine Narzissen und Tulpen gepflanzt und einen großen Strauß Zweige mit bunten Ostereiern geschmückt. Auch ein paar Keramik-Osterhasen sind vorübergehend mit eingezogen und ein anderer wunderschön geschmückter Strauß steht in einem der Fenster.

Etwa siebzig Minuten vor Sonnenuntergang kommt Herr Amsel angeflogen, wie jeden Abend, und setzt sich auf die Espe an der rückwärtigen Straße, um sein Abendlied zu singen. Heute Abend liegen wir mal wieder in der Einflugschneise des am anderen Ende der Stadt gelegenen Flughafens. Die Flugzeuge, welche teils im dreißig-Sekunden-Takt über uns hinweg dröhnen scheinen Herrn Amsel jedoch wenig zu beeindrucken. Im Gegenteil, er singt lediglich lauter. Gestern hörte ich irgendwo, dass eine Nachtigall bis zu neunzig Dezibel laut singen kann. Ich frage mich, wie laut Herr Amsel heute wohl trällert. Und wie schön er singt! Manchmal gesellt sich ein Rotkehlchen dazu und sie singen eine Weile im Duett. Heute sehe ich zehn Minuten nach Herrn Amsels Ankunft zwei kleine Vögel auf den Zweigen dicht neben Herrn Amsel landen. Im Gegenlicht kann ich nicht genau erkennen, was für Vögel es sind. Ihrer Geschäftigkeit nach zu urteilen, würde ich vermuten, dass es Kohl- oder Blaumeisen sind. Wahrscheinlich wird es Herrn Amsel dann auch zu bunt, denn schon nach ungewöhnlich kurzer Zeit fliegt er davon. Kurz darauf höre ich lautes Amselgeschnatter. Vielleicht hat Herr Amsel ja auch einen Mitbewerber für sein Revier entdeckt und sich entschieden, diesem ein paar Takte zu zwitschern – mit besonders viel Dezibel natürlich.

Als ich mich gerade umdrehen und hineingehen will, entdecke ich auf dem kleinen Vorsprung vor dem Balkon mit der wunderschönen Osterdekoration ein kleines Federknäuel. Bei näherem Hinsehen bemerke ich, dass es sich dabei um Herrn Rotkehlchen handelt. Von dem Balkon fliegt er zum Geländer einer der rückwärtigen Kellereingänge. Das macht er öfter um diese Tageszeit. Normalerweise fliegt er von dort zum Pflaumenbaum mit Blick auf unseren Balkon und singt mir sein Abendlied. Heute erschreckt er sich jedoch ungewöhnlich stark, als ein paar Menschen ins Gespräch vertieft die rückwärtige Straße entlang kommen. Fast fliegt er vor Schreck gegen die Hauswand, bevor er zwischen den Treppen eines anderen Kellereingangs verschwindet.

Gestern fand im benachbarten Fußballstadion ein Spiel statt, welches bei uns vorab für viel Polizeiaufgebot gesorgt hat. Bereits vier Stunden vor Beginn des Turniers begann die Dauerbeschallung mit Sirenen und später folgten noch Hubschrauber. Sind meine gefiederten Freunde deswegen heute so ungewöhnlich schreckhaft?

Auffällig ist auch, dass alle darauf bedacht sind, noch einen ordentlichen Abendsnack zwischen den Schnabel zu bekommen und sich früh einen Schlafplatz zu suchen. Das liegt bestimmt daran, dass es heute Nacht recht kalt werden soll und ich kann es in der Luft riechen, dass der Winter noch einmal an die Tür klopfen will.

Die japanischen Kirschen vorne an der Hauptstraße scheint dies nicht sehr zu stören. Ihre Knospen sind so prall, dass ich vom Küchenfenster aus ihren dunkelrosanen Schimmer erkennen kann. Vielleicht öffnen sich die Blüten ja bereits zum Wochenende.

Bald ist nun, da ich diese Zeilen schreibe, die Sonne untergegangen und Frau Singdrossel wird ihr Lied anstimmen. Ja, genau, meine Singdrossel-Nachbarin bevorzugt dazu die nächtlichen Stunden. Vielleicht hat sie im Naturschutzgebiet des nahegelegenen Parks ja einst eine Nachtigall getroffen und sich inspirieren lassen. Ich freue mich jedenfalls immer, Frau Singdrossels Lied zu hören.

Bist Du bereit, heute ein helles Licht der Gewahrsamkeit auf den Pfad des Seins zu leuchten?

Alles Liebe,
Steffi

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