Bleibt Alles Anders

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Da sind wir nun, mitten im Jahr 2020 und nichts ist mehr, wie es einmal war. Vom „Alten“ ist nicht viel übrig geblieben und erst langsam beginnt sich das Neue zu zeigen, unter all dem Chaos und dem Wahnsinn, die sich gerade auf der Welt auszubreiten scheinen.

In Wahrheit war, glaube ich, schon lange nichts mehr normal, nur dass es jetzt für alle sichtbar wird und nicht mehr zu leugnen ist.

Mit dem Wegfall des Alten und dem ganzen Chaos um uns herum, fallen für viele von uns leider auch einige Möglichkeiten weg, uns zu erden – beziehungsweise fallen die Ablenkungen weg und manche altbewährten Erdungsmethoden sind vorübergehend unerreichbar.

Für mich sind es, zum Beispiel meine Spaziergänge, die Besuche in meiner alten Heimat etwas weiter im Westen der Stadt und damit auch die Besuche bei meinem geliebten Hofladen und den tollen Menschen, die dort arbeiten.

Während der Lockdown-Zeit waren Kim und ich sehr achtsam, denn mein Immunsystem hat unter dem Stress der letzten Jahre sehr gelitten. Auch jetzt lassen wir noch besondere Achtsamkeit walten und vermeiden, zum Beispiel, öffentliche Verkehrsmittel und natürlich größere Menschenansammlungen.

Zwar fühle ich, dass es momentan für mich sicher genug ist, einen Ausflug in den nahe gelegenen Park zu machen, doch kommt jetzt das nächste Problem: Ich vertrage die Sonne nicht. Hierbei spreche ich nicht davon, dass ich einfach nur leicht einen Sonnenbrand bekomme. Stattdessen bekomme ich Rötungen, Jucken, Fieber und andere Symptome. Das braucht dann im schlimmsten Fall auch ein paar Tage, um wieder zu vergehen.

Normalerweise gestalte ich das Frühjahr als Gewöhnungsphase, in der ich mich nach und nach immer länger der Sonne aussetze – sehr achtsam natürlich. Das geht bis zu einem bestimmten Punkt ganz gut, auch wenn es in den letzten zwei Jahren trotzdem schwierig war. Zudem mache ich noch ein paar andere Dinge – zum Beispiel nehme ich Sanddornfruchtfleischöl ein, um meinen Vitamin-E-Haushalt zu unterstützen. Das hilft mir sehr.

Dieses Jahr fiel die Gewöhnungsphase leider weg. Zwar habe ich mich auch auf dem Balkon aufgehalten, doch hat dies nicht den gleichen Effekt, als wenn man, zum Beispiel, durch den Park spaziert – zumal die Sonne hier erst ab dem Nachmittag herum kommt. Daher vertrage ich nun das Sonnenlicht noch schlechter, als sonst. Zusammen mit dem momentan oft stark erhöhten UV-Index führt dies dazu, dass ich schon nach einer Stunde Aufenthalt im kompletten Schatten starke Reaktionen bekomme. Also bleibe ich auch jetzt lieber drinnen.

Und im Herbst? Tja, wer weiß, was dann ist. Wenn keine zweite Welle kommt, … aber das sehen wir dann.

Also, erst einmal keine Spaziergänge, kein Sammeln von wilden Kräutern und Früchten (leider ist Kim da nicht ganz so bewandert und ich kann ihn nur bedingt alleine losschicken) und keine Einkäufe bei unserem geliebten Hofladen, wo wir zur Erntezeit besonders gute Qualität zu besonders guten Preisen bekommen. Also auch weniger Vorbereitungen für Herbst und Winter (was möglicher Weise bedeutet, dass wir zu bestimmten Anlässen vielleicht mehr Tiefkühlprodukte kaufen, als sonst).

Und auch keine Fotos von unseren Spaziergängen.

Es gibt aber auch Vorteile.

Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass es einen größeren Unterschied macht, als ich dachte, mich voll und ganz biologisch zu ernähren. Obwohl unser Hofladen auch einige Bioprodukte anbietet, ist eben nicht alles dort aus biologischem Anbau. Großartige Qualität, trotz allem, aber eben nicht Bio. In den letzten zwei Jahren dachten wir uns, dass dies egal sei, solange die Qualität der Nahrungsmittel ansonsten stimmt.

War es nicht. Da wir in den letzten Monaten nicht zu unserem Hofladen gehen konnten, haben wir im nahe gelegenen Biosupermarkt eingekauft. Da können wir zu Fuß hinlaufen. Und siehe da, meine Schuppenflechte ist tatsächlich insgesamt zurückgegangen. Das kann ich mittlerweile klar auf die geringere Schadstoffbelastung der Lebensmittel zurückführen, die ich zu mir genommen habe.

Zwar bekommen wir beim Biosupermarkt nicht ganz so gute Preise wie im Hofladen, aber dafür bekommen wir einen Discount, je mehr wir dort einkaufen. Zudem sparen wir die Fahrkarten für den Bus. Das gleicht sich so tatsächlich aus. Und regionale Produkte bekommen wir trotzdem, weil inzwischen eben auch viele Biosupermärkte mit regionalen Bauern zusammenarbeiten.

Man wird zudem reduzierter, besinnt sich auf das, was wirklich wichtig im Leben ist und das bringt tatsächlich eine gewisse Unabhängigkeit mit sich. Ebenso bringt es Erdung und ein Ankommen im Hier und Jetzt. Auch wenn ich die Feldmark sehr vermisse und mich darauf freue, sie wiederzusehen.

Vom Frühjahr bis vor kurzem habe ich meinen Balkon ganz neu entdeckt. Statt von den Spaziergängen gibt es dann eben erst einmal Fotos vom Balkon.

Auch hier treffe ich diverse Bienen, Schmetterlinge, unterschiedlichste Wespen, verschiedenste Fliegen, Libellen, Spinnen, mannigfaltige Vogelarten und manchmal grüßt mich die Nachbarskatze vom gegenüberliegenden Fenster. Der Pflaumenbaum vor dem Balkon ist dieses Jahr das Zuhause von vielen verschiedenen Vogelfamilien. Hauptsächlich Rotkehlchen, Meisen und sogar Spatzen, die hier in Hamburg selten geworden sind.

Im Frühling rastete eine kleine Kolonie Stare hier und hat die tollsten Konzerte gegeben und kürzlich beobachtete ich einen Revierstreit zwischen einem Mäusebussard-Pärchen, ein paar Krähen und einer Möwe, direkt vom Balkon aus.

Auch, wenn es dieses Jahr vielleicht nicht ganz so viel einzulegen, einzufrieren und einzukochen gibt, wie sonst, beginnt jetzt doch eine geschäftige Saison. So haben wir Ende Juni Senfgurken aus Wassermelonenrinde gemacht – natürlich geht das nur mit Biomelonen – und drei Sorten Essig aus Obstresten angesetzt. Außerdem haben wir unser erstes Pflaumenmus der Saison gekocht.

Die tollen Renekloden von unserem Hofladen werde ich wohl allerdings vermissen. Die sind vom Besitzer des Ladens höchstpersönlich biologisch angebaut, ebenso wie die Zwetschgen, einige seltene wie köstliche Apfelsorten sowie Birnen und Quitten.

Er baut auch Erdbeeren an, allerdings nicht in Bioqualität und da habe ich dieses Jahr klar einen Unterschied bemerkt, den ich nicht ignorieren kann, ebenso wie bei den Kartoffeln.

Auch habe ich die Musik neu für mich entdeckt. Ich höre mir tatsächlich wieder ganze Alben nur zum Spaß an. Und auf Twitter haben wir während der Zeit des Lockdowns mit einer kleinen Gruppe angefangen, jeden Abend um 19:30h etwas zu singen – jeder für sich, aber die Lieder (also Noten oder Musikvideos) haben wir als Inspiration miteinander geteilt. Jetzt singen wir noch immer zweimal die Woche und teilen den Rest der Woche verschiedene Impulse. Das finde ich sehr bereichernd und inspirierend. Diese Menschen hätte ich sonst übrigens gar nicht kennengelernt, denn sie wohnen in anderen Städten.

Zudem schreibe ich wieder mehr, wie ja auch an meinem Blog zu sehen ist.

Viele Leute erzählen einem, wenn man nicht raus geht oder dies oder das oder jenes tut, dann würde man nicht am Leben teilnehmen oder keine Inspiration bekommen. Dem kann ich so nicht ganz zustimmen. Natürlich ist es schön, wenn man jederzeit überall  da hingehen kann, wo man will. Aber manchmal geht das eben nicht. Tatsächlich gab es schon immer Menschen, für die das nicht ging. Dennoch nehmen sie am Leben teil, denn das Leben findet statt. Solange wir am Leben sind, können wir nicht nicht am Leben teilnehmen. Wir sind das Leben, wir drücken es aus, gestalten und definieren es.

Anstatt zu schauen, wie man denkt, das etwas sein sollte und sich dafür nieder zu machen, wenn das eigene Leben nicht so aussieht oder ein anderes Resultat hervorbringt, wäre es doch vielleicht mal eine gute Idee, zu schauen, was eigentlich gerade wirklich ist. Ganz ohne Urteil. Einfach nur da sein, mit allem, was eben jetzt gerade da ist oder auch nicht da ist. Und dann, wenn man so ganz da ist, so ganz gegenwärtig, dann könnte man einmal schauen, wie sich das jetzt eigentlich anfühlt. Oft fühlt sich das nämlich viel besser an, als wir uns hätten vorstellen können. Und wenn nicht, kann man immer noch schauen, was man verändern kann. So verändert sich auf jeden Fall schon mal die eigene Perspektive. Anstatt uns selbst zu verurteilen und zu beschämen, beginnen wir, uns zu akzeptieren und zu erkennen, welches Potenzial sich darin verbirgt.

Das klingt doch nach einer interessanten Enddeckungsreise, oder?

Bist Du bereit heute ein helles Licht der Gewahrsamkeit auf den Pfad des Seins zu leuchten?

Alles Liebe,
Steffi